Was ist Mutter- sein?

Ich bin mir dessen bewusst, dass es kein Rezept gibt dafür, eine „gute“ Mutter zu werden. Ich beschreibe mein Mutter werden und mein Gefühl des Mutter seins.

Seit ich denken konnte, wusste ich, dass ich keine Mutter werden möchte. Da ich mit Kindern ein sehr belastendes und unfreies Gefühl assoziiert habe, kam es für mich einfach nicht in Frage. Leider hatten meine Eltern das Thema Sex so sehr tabuisiert, dass sie es auch versäumten uns, meine Geschwister und mich, ordentlich aufzuklären. Es ist ein Wunder, dass ich erst mit 25 Jahren schwanger wurde.

Aus welchen Gründen auch immer entschied ich mich strikt gegen eine Abtreibung und ließ mich auf das Abenteuer ein. Während der Schwangerschaft, erreichte mich immer häufiger das Gefühl der Ohnmacht. Ich konnte aus der Sache nicht mehr raus. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde.

Mit dem Kindesvater war ich auch nicht mehr liiert. Noch bevor ich in der Schwangerschaft ankommen und mein Studium beenden konnte, kam meine Tochter unerwartet im 7. Schwangerschaftsmonat zur Welt.

Die Zeit direkt danach war sehr holprig. Ich fühlte Verantwortung, Druck und Pflichten. Damit war ich total überfordert. Ich wollte das nicht alleine wuppen. Es war insgesamt sehr viel. Ich hatte ich einen Kaiserschnitt, der schmerzte, ein Neugeborenes, welches regelmäßig versorgt werden wollte und eine neue Wohnung, die es vorzubereiten galt, bevor meine Tochter aus dem Krankenhaus kommen sollte. Es gab es viele Ämtergänge zu erledigen und, da meine Tochter als „Frühchen“ noch einen Monat unter Beobachtung in der Klinik bleiben musste, fuhr ich auch dort täglich hin um zu stillen, zu wickeln und zu kuscheln. Der Kindesvater war täglich arbeiten und konnte sich somit nicht um all diese Dinge kümmern. Wir hatten damals nicht das beste Verhältnis. In dieser turbulenten Zeit sind leider viele Konflikte entstanden.

Was als eine schöne Erinnerung geblieben ist, war die Zuwendung meiner Schwester. Sie besuchte mich oft im Krankenhaus und mit ihr konnte ich all diese schwierigen Themen besprechen.


Die Monate vergingen. Ich brachte einen spontanen Umzug hinter mich und war nun alleine mit meiner Tochter in einer ein-Zimmer Wohnung. Meine Tochter wollte Tag und Nacht, alle zwei Stunden gefüttert werden, jedoch schlief sie tagsüber viel, sodass ich mit meinem Studium doch gut voran kommen konnte. In dieser Zeit hatte Unterstützung von meinen Eltern, die meine Tochter oft ein paar Stunden hüteten, damit ich lernen konnte.


Ich fühlte für mein Kind eine tiefe Liebe, wie ich sie noch nie gefühlt hatte. Sie war ohne Grund, sie war einfach da. Damals war ich inspiriert von diesem neuen Gefühl. Ich fing an, die Erfahrungen mit meiner Tochter aufzuschreiben, verfasste poetische Verse, machte viele Bilder von ihr und irgendwie (ich konnte es nicht erklären) war es mir wichtig, dass es Ihr gut ging.


Insgesamt fühlte ich mich mit meiner neuen Situation alleine. Plötzlich Mutter zu sein hat mich stark beansprucht und ich konnte mich niemandem wirklich anvertrauen. Ich habe seelische Unterstützung gebraucht.Ich hätte gern gesprochen über all das, was mir schwer fällt und auch über die schönen Dinge. Ich hätte gern jemanden, der oder die Verständnis für mich und meine neue Situation hat und mich in den Arm nimmt. All die Aufmerksamkeit galt meiner Tochter. Ich musste funktionieren. Das fühlte sich gar nicht gut an.

Weder meine Mama (als meine damals einzige "Mutter"-Referenz), noch der Kindesvater haben es gern gesehen, dass ich mich um mich kümmerte. Ich wollte gern wieder arbeiten, Sport machen und auch mal essen gehen. Das alles schienen Dinge zu sein, die nur unter vorgegebenen Bedingungen machbar waren. Ich erfuhr sehr viel Ablehnung meiner eigenen Bedürfnisse und begann zu zweifeln, dass mein Drang nach Ausgleich überhaupt gerechtfertigt war.

Zu meinem Glück hatte ich damals eine sehr gute Freundin, die oft zu mir kam, um mich in meinem Selbstwert zu bekräftigen. Auch mit meiner Tochter ging sie sehr liebevoll um. Das bewunderte ich. Ich bin ihr bis heute sehr dankbar für ihre Unterstützung! Mit Ihrer Hilfe fand ich die nötige Kraft in mir mich los zu machen von meinen Erwartungen meiner Familie gegenüber. Durch Ihren Zuspruch und Verständnis meinen Bedürfnissen gegenüber, konnte ich mehr in die Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung kommen.

Da ich mich nicht mehr dauernd in Bittposition bringen wollte, brachte ich das nötige Geld auf und bezahlte eine der Erzieherinnen aus der KiTa meiner Tochter, damit sie zum Sitten kam. Ich hatte damals als Studentin sehr wenig Geld und konnte es mir eigentlich nicht leisten, ABER ich tat es. Ich ging 2-4 mal im Monat zum Sport und fühlte mich sehr gut mit dem Ausgleich. Und es war nicht nur irgendein Ausgleich, es war wieder ein Stück mehr Freiheit und mehr ICH. Ich brauchte den Abstand zum Mutter sein. Mit diesem Abstand konnte ich mich auf meine Tochter freuen und mich ihr mit neuer Energie zuwenden. Ohne diesen Ausgleich war ich oft gestresst, wurde grundlos laut und war gar nicht lieb zu meiner Tochter. Ich konnte nur den begrenzenden Aspekt des Mutter-seins sehen und fühlte mich gefangen. Ich fühlte mich auch in meinen Reaktionen gefangen. So gab es für mich nur wenig Spielraum, wenn ich unter Druck geriet oder müde war. Ich sah keine anderen Möglichkeiten, als meine Tochter so zu behandeln, wie meine Eltern mich behandelt haben.

Nach all den Jahren weiß ich, dass ich meiner Tochter viel Unrecht getan habe, weil ich mir nicht bewusst Gedanken darum machte, warum ich Dinge tat oder sagte. Ich befasste mich nicht mit meinen Absichten ihr gegenüber. Ich fühlte mich oft sehr schuldig, wenn Situationen bereits passiert waren. Es war insgesamt eher ein dauerhaftes Durchhalten, als das es mich kraftvoll machte.


Eine große Änderung kam, als eine Erzieherin mir in einem Gespräch erzählte, dass meine Tochter, mit ihren damals drei Jahren zum Gruppenschläger geworden war. Ich wusste sofort, dass ich etwas an meinen Methoden ändern musste. Ich unterhielt mich oft mit meinem Bruder, der nur zwei Jahre nach mir in die Elternschaft kam. Er erzählte, dass er sich, nach anfänglichen Schwierigkeiten der Art, wie auch ich sie hatte, überlegte, was für ein Vater er sein wollte. Er beschloss sich mit seinem Sohn zu beschäftigen und dabei nichts anderes zu tun. Bei ihm funktionierte alles ohne Gewalt. Ich fand das ziemlich interessant und wollte das auch für mich und meine Tochter so umsetzen.

Es hat gedauert, wie jeder Veränderungsprozess. Heutzutage bin ich stolz, weil ich alle körperlichen Gewalttätigkeiten hinter uns gelassen habe.

Eine große Veränderung in meinem Mutter-Dasein, die sich im Laufe des letzten Jahres ereignet hat, ist die Tatsache, dass meine Tochter nun bei Ihrem Vater wohnt. Nach 9 Jahren gemeinsamen Wohnens, leben wir, meine Tochter und ich, in getrennten Wohnungen. Wir sehen uns jedoch sehr regelmäßig. Seit dieser Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich die Zeit mit ihr verbringen möchte, was genau ich ihr vorleben möchte.

Einige meiner Gedanken sind:

"Was kann Sie von mir lernen?"

"Welche Werte möchte ich sie lehren?"

"Welchen Eindruck möchte ich ihr von mir schenken?"

"Welchen Lebensstil möchte ich ihr vorleben?"

"Was soll meine Tochter mit mir verbinden?"

"Möchte ich, dass es für sie normal ist, dass sie sich willkommen, oder abgelehnt fühlt? Das wiederum ist, in meiner Welt, die Grundlage dafür, welche Art Menschen sie später, wenn sie älter ist, vermehrt in ihr Leben lassen wird."


Ich habe mich im Zuge dieser Veränderung auch gefragt, ob es für mich wirklich stimmt, dass Kinder anstrengend sind und konnte durch Hinspüren erkennen, dass es nicht meine Wahrheit ist. Ich liebe es, wenn meine Tochter lacht und glücklich ist, wenn sie mir von Ihrem Tag erzählt und wenn sie sich mir anvertraut in jeder Lebenslage. Und wenn sie mich anmeckert, so weiß ich, dass wir diesen Zustand gemeinsam überleben werden. Mir ist wichtig, dass sie sich und ihre Gefühle kennenlernt und versteht, dass sie immer fühlt, dass sie mir wichtig ist, so wie sie grade ist. Sie soll sich wie eine Königin fühlen, die willkommen ist in meiner Welt.

Ich weiß heute, dass ich ohne meine Tochter niemals die Person wäre, die ich heute bin. Ihre Geburt ist ein Segen für mich und mit ihrer Hilfe habe ich zu mir selbst finden können. Sie war der Grund, warum es wichtig für mich war, dass ich mich endlich für MEIN Leben entscheide. Dass ich mir endlich klar mache, wie ich leben möchte um Ihr meine wirkliche, glückliche, mutige, dankbare und zufriedene Welt zeigen zu können. Damit sie weiß, dass sie selbstwirksam und selbstentschieden leben kann und dass das, was IHRE Welt ist, wichtig und wertvoll ist!

Für mich passt es nicht mehr Dinge von meinem Kind zu verlangen, die ich selbst nicht verstehe. Das „Spiel“ von Führen und Folgen ist in der Kindererziehung ein vordergründiges. Will ich eine gute Lehrerin sein, so muss ich in der Lage sein, die Bedürfnisse des Lehrlings zu erkennen. Und das kann ich nur durch folgen.

Die Mutter, die ich heute bin, konnte ich nur werden in einem Prozess. Während dieses Prozesses gab es viele Höhen und Tiefen und es hat mir viel Mühe, Geduld und Liebe abverlangt meinen Weg und mein „Wie“ zu finden. Ich bin sehr stolz darauf.


Meine Tochter ist heute 10 Jahre alt. Es gibt bereits Anzeichen auf einen größeren inneren Wandel, der sich in ihr vollzieht. Kinder sind Menschen mit ihrer eigenen inneren Wahrheit. Und diese Wahrheit hat ein Recht auf Sein. Die Wahrheit meiner Tochter ist in vielen Punkten eine andere, als meine. Dazu noch verändert sich die Bereitschaft meiner Tochter in Harmonie mit mir zu sein, je nachdem, wie sie sich grade fühlt.

Für mich bleibt nach wie vor vordergründig, dass meine Tochter sich willkommen und eingeladen fühlt, ihre Welt zu leben. Ich respektiere Ihre Welt und wünsche mir, dass sie auch meine Welt respektiert. Gemeinsame Ziele zu finden ist wichtig. Es bleibt alles im Fluss. Und respektvolle Kommunikation ist der Schlüssel.

Erwiesenermaßen kann eine Kommunikation gelingen, wenn ich als Mutter Verständnis zeige und ehrlich und ohne die Absicht Schuldgefühle zu erzeugen, auf der Beziehungsebene spreche. Ich identifiziere mich mit dem was ich sage. Wenn ich das, was ich sage nicht wirklich meine, wird meine Tochter das merken und Vertrauen verlieren.

Ich denke, dass jeder Mensch geliebt werden möchte, so wie er oder sie grade ist. Das was ich mir wünsche, als ich selbst und nicht unbedingt als Mutter, möchte ich meinem Kind zukommen lassen. Ich bin schließlich selbst eine Tochter.

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